[Gastbeitrag] Anime braucht mehr alte Knacker wie Inuyashiki

Inuyashiki Last Hero

News schreiben, Meinungen verfassen, Podcasts aufnehmen: Seit 2016 verantwortet Dimbula als Chefredakteur das redaktionelle Online-Angebot des Anime- und Manga-Magazins Anihabara. Schon zuvor übersetzte er einige Jahre Anime ins Deutsche. Wenn Domenic – wie er mit richtigem Namen heißt – gerade keinen jazzigen J-Pop hört, bedeutungsschwangere Japano-Videogames durchzockt oder sich in melodramatischen Manga verliert, sind Industrie-Themen sein Themenfeld.

»Inuyashiki Last Hero« bietet packende Action mit viel Plotentwicklung. Ständig schwingt ein Funke Mystery mit, verstrickt sich aber in langen Action-Sequenzen, die unzählige Doppelseiten verschlingen. Im Prinzip ist es wie »Gantz« nur mit neuem Anstrich. Warum ich das Fazit vorwegnehme? »Inuyashiki Last Hero« stammt von »Gantz«-Mangaka Hiroya Oku und anstatt nun darauf einzugehen, wie ähnlich sich »Gantz« und »Inuyashiki Last Hero« sind, widmen wir uns in dieser Kolumne eben dem Punkt, in dem sich die beiden Werke tatsächlich unterscheiden: den Charakteren.

Aber worum geht es? Im Zentrum der Handlung stehen zwei Individuen, an dessen Position bei einem Spaziergang durch den Park ein UFO einschlägt. Aus Angst vor Problemen rekonstruieren die Aliens die Körper der beiden aus Ersatzteilen fortschrittlicher Alienwaffen, bevor sie Reißaus nehmen. Während Ichiro Inuyashiki – ein alter Knacker, für den sich nicht einmal die eigene Familie interessiert – selbstlos jedem in Not hilft, tötet Hiro Shishigami – ein junger Oberschüler – wahllos ganze Familien, um sich menschlich zu fühlen. Man müsste meinen, die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, doch die Sache ist komplizierter …

Inuyashiki Last Hero

© 奥浩哉・講談社/アニメ「いぬやしき」製作委員会

Von den beiden Protagonisten ist Ichiro Inuyashi am schnellsten erklärt: Denn die Welt macht sich über den 58-Jährigen lustig. Nicht nur bringt seine Umwelt ihm nicht den nötigen Respekt entgegen, seine eigene Familie tut so, als gäbe es ihn nicht. Dass die Probleme alter Menschen auf diese Weise so nachempfindbar wirken, war für mich tatsächlich eine Überraschung. In dieser Situation bekommt er nun eines Tages die Diagnose, dass er aufgrund eines Magengeschwüres nicht mehr lange zu leben hat. Doch anstatt Meth zu kochen wie Walter White aus Breaking Bad beginnt er mithilfe seiner neugewonnenen Alienkraft, seinen Mitmenschen zu helfen, um sich lebendig zu fühlen.

Hiro Shishigami auf der anderen Seite zeigt unter bestimmten Umständen sogar Charakteristiken eines Guten – wie die Ähnlichkeit seines Namens mit dem englischen Wort für Held vermuten lässt. In der Schule steht der Schönling für seinen unbeliebten Freund ein und zu Hause plündert er mit seiner neuen Kraft für seine alleinerziehenden, mittellosen Mutter Konten reicher Menschen. Im Gegensatz zu Inuyashiki endet dieses Mitgefühl allerdings bei Menschen fernab von Freunden und Familie, was im Prinzip seine fragwürdigen Methoden erklärt. Dieses moralische Messen mit zweierlei Maß macht ihn als Charakter so interessant.

Inuyashiki Last Hero

© 奥浩哉・講談社/アニメ「いぬやしき」製作委員会

Ich mache das Ganze einmal an zwei Szenen fest:

Gleich in der ersten Episode lauern acht Jugendliche einem Obdachlosen mit Feuerwerkskörpern auf der Suche nach dem Kick auf – eine ähnliche Szene wie schon in Gantz. Inuyashiki geht entschlossen dazwischen und wird zum Dank von Baseball-Schlägern niedergeschlagen. Nun wenden sich die Rowdys wieder dem Obdachlosen zu, bis Inuyashikis Lasergewitter die Angreifer in die Flucht schlägt. Aufgezeichnet von einer Hinterkopfkamera sowie identifiziert mittels Alientechnologie sieht ganz Japan das Geschehene und verurteilt die Aktion lautstark. Schnitt. Gerührt von dessen Einsatz fällt der Obdachlose vor Inuyashiki auf die Knie. Beide weinen Tränen vor Freude – für Inuyashiki ein Zeichen, dass er immer noch ein Mensch ist.

Fünf Folgen später hat man Shishigami als Täter der Familien-Morde identifiziert. Das darauffolgende Medien-Echo treibt seine Mutter schlussendlich zum Selbstmord. Was folgt ist ein gebrochener gesuchter Verbrecher, der vor seinem Elternhaus aufschlägt, um die Dutzenden Journalisten zu töten, die seinen Vater belagern. Anschließend konfrontiert er denjenigen, der den Medien die Adresse seiner Eltern gesteckt hat, mit der Lage per Videochat. Als diese Person sich im Schutze der Anonymität dann aufspielt, erschießt Shishigami ihn mittels Alientechnologie durch den Monitor hindurch, stellt ein Video davon in ein Forum und fährt auf dieselbe Weise mit allen fort, die ihm und seiner toten Mutter mit Beleidigungen kommen. Einer nach dem anderen.

Man merkt: Das Internet ist in »Inuyashiki Last Hero« zentral für die öffentliche Meinung. Soweit nichts Neues. Im Hinblick auf die Charaktere zahlt dieses Image der Protagonisten in der Öffentlichkeit als weitere Ebene der Persönlichkeit allerdings auf eine völlig neue Art von Charaktertiefe ein. Auf diese Art unterscheidet sich die Serie für mich von einfachen Action-Spektakeln à la Michael Bay. Denn letztendlich – wie auch die beiden Szenen zeigen – weichen Inuyashiki und Shishigami stellenweise in ihrem Handeln gar nicht so sehr voneinander ab …


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