[Gastbeitrag] Film Review: Die Rote Schildkröte

Die rote Schildkröte

Hi und herzlich Willkommen zu meinem Gastbeitrag bei House Of Animanga! Mein Name ist Steffen – einigen vielleicht besser bekannt als der “Lichtspieler”. Ich blogge, podcaste, streame und zwitschere in meiner Freizeit über Filme, Spiele und anderen Nerdkram. Mit Anime und Manga beschäftige ich mich bereits seit jüngsten Kindheitstagen – unbewusst angefangen hat alles mit “Kimba, der weiße Löwe”, weitergesuchtet wurde mit “Dragonball”, “GTO” und “Naruto”, während mit dem Alter auch “erwachsenerer” Stoff wie “Elfenlied” und “Ghost in the Shell” folgte. Derzeit bin ich vorallem begeistert von Ghibli-Filmen – welch herrliche Überleitung! Denn bei meinem heutigen Gastbeitrag auf dem besten Anime/Manga-Blog im Netz geht es um “Die Rote Schildkröte”.

Die rote Schildkröte

Eine simple Story, nahezu kaum ein gesprochenes Wort und ein ungewöhnlicher Zeichenstil – was genau macht “Die Rote Schildkröte” zu dem faszinierenden Film, der schlussendlich sogar für den Oscar nominiert war?

Jeder kennt sie – diese Filme, die auf den ersten Blick etwas merkwürdig anmuten. Hochgelobt von Kritik und Presse, nominiert für gefühlte hunderte von Preisen. Und doch in nahezu keinem Kino zu finden. Und wenn, nur mit sehr kurzer Spielzeit von 2-3 Wochen. “Kassengift”, werden diese Filme genannt. Die meisten Anime gelten als “Kassengift”, werden deshalb oft nur tageweise gezeigt und erhalten kaum Aufmerksamkeit außerhalb der Fanszene. So kam auch “Die Rote Schildkröte” erst richtig in’s Gespräch, als der Film überraschen für einen Oscar als bester Animationsfilm nominiert wurde.

Erstaunlich ist das auch, weil der Film eine durchaus turbulente Entstehungsgeschichte hinter sich hat. Regisseur Michael Dudok de Wit – der 2001 mit seinem Kurzfilm “Father and Daughter” schon einen Oscar gewann – begann bereits 2003 mit ersten Konzeptzeichnungen zu seiner Geschichte von einem Mann auf einer Insel. In den folgenden Jahren studierte er Tiere, Wellen, Inselleben – bis ihn im Jahr 2008 Ghibli fragte, ob er denn Interesse hätte einen abendfüllenden Kinofilm in Kooperation mit dem französischen Studio “Wild Bunch” zu erschaffen. Nach vielen Änderungen der Figuren, Geschichte und Zeichenstile erschien der Film zuerst in europäischen, später in amerikanischen und japanischen Kinos – und war mit 6,5 Millionen Dollar am Box Office selbst verglichen mit eher schlecht laufenden Ghibli-Filmen wie “Prinzessin Kaguya” ein Flop.

Die rote Schildkröte

In der ersten Hälfte des Films geht es um einen Unbekannten, der nach einem Schiffbruch – den Grund hierfür kennen wir nicht – auf einer einsamen Insel strandet. Direkt zu Beginn schafft es “Die rote Schildkröte”, die Neugierde des Zuschauers zu wecken: Wer ist dieser Mann? Warum erlitt er Schiffbruch? Wieso dort? Und was wird er nun tun, um zu überleben?

Während wir uns diese Fragen stellen, fängt der Protagonist an, ein Floß zu bauen um von der Insel zu entkommen.

Die rote Schildkröte

Nach einigen Tagen ist dieses Unterfangen auch geschafft, der Gestrandete verabschiedet sich von den “Comic relief” Charakteren dieses Films, ein paar goldigen Krabben, und setzt die gefaserten Segel in Richtung Freiheit.

Und nun erfahren sowohl Zuschauer als auch der Protagonist das erste Mysterium dieses Films – eine unsichtbare Kraft zerstört nach einigen hundert Metern auf dem Meer das wacklig zusammengezimmerte Floß und der Gestrandete muss den nassen Rückweg in Richtung Inselmasse antreten.

Weitere Versuche dieser Art fallen buchstäblich in’s Wasser – Tag für Tag baut der frustrierte Unbekannte neue, immer größere Flöße, nur um immer wieder von der mysteriösen Kraft aufgehalten zu werden.

Während dieser Szenen – die sich allesamt in den ersten Minuten abspielen, daher kein Spoiler-Alarm – fühlt der Zuschauer die Sehnsucht, die Wut und die Angst des Mannes.

Beim bloßen Hinschauen biss ich mir auf die Finger, vor lauter Anspannung und Furcht dem Inselbewohner könnte etwas passieren.

Selbstverständlich hat all dies mit der namensgebenden roten Schildkröte zu tun, und im Laufe der Zeit entwickelt sich der Film vom Einsiedler-Drama zu einem wahrhaft märchenhaften Zeichentrickspektakel.

Die rote Schildkröte

Technisch ist “Die rote Schildkröte” ein hervorragend funktionierender Mix aus europäischem Zeichenstil wie wir ihn zum Beispiel aus “Tim & Struppi” kennen, und den markanten Charakteristika von Studio Ghibli.

Die simple Strichführung, statische Hintergründe und die detaillierte, jedoch nie überfüllte Darstellung lassen die wunderbar animierten und ausdrucksstarken Charaktere des Films gerade zu herausstechen.

Hierdurch kann sich auch der Zuschauer auf das Wesentliche konzentrieren – die wenigen “Darsteller”, sowie die Insel selbst. Dieser Film ist gewissermaßen eine Charakterstudie, die trotz einfachster erzählerischer Mittel einen tiefen Sinn hat – hierbei aber nie unnötig verkopft und metaphorisch, wie so viele Arthouse-Filme, ist.

In “Die rote Schildkröte” geht es oft um gegensätzliche Gefühle wie Einsamkeit und Geborgenheit, Schuld und Vergeben, Vertrauen und Mißtrauen, Neugierde und Furcht. Aber auch um Liebe, Ironie, Träume und Wirklichkeit.

Diese Gefühle werden oft nur mit kleinen Gesten, kaum wahrzunehmen, in ihrer Gesamtheit jedoch stets spürbar, angedeutet. In besonders starken Momenten verzichtet Dudok de Wit sogar auf einen Score – er lässt nun die Figuren sprechen, ohne sie ein Wort sagen zu lassen. Der Zuschauer soll hier selbst fühlen, ohne Vorgabe der Gefühlswelt durch beispielsweise besonders sentimentale Musik.

Duch seine Stille und Simplizität ist der Film in vielen Szenen gleichzeitig eine Parabel für den Zuschauer – oft fühlt man sich erinnert an eigene Erfahrungen und Situationen, kann die Geschehnisse im Film wie eine Blaupause über die eigenen Gedanken legen und erkennt sich selbst wieder.

Die rote Schildkröte

“Die rote Schildkröte” fühlte sich für mich vom ersten Moment “besonders” an, doch weshalb strahlt ein Film wie dieser eine solche Faszination aus?

Man kann nicht oft genug betonen, dass für diesen Film kein Philiosophiestudium von Nöten ist. Wer zu verkopft an die einfache Darstellung geht, in der Hoffnung einen tieferen Sinn, eine “Nachricht” des Regisseurs an den Zuschauer, gar eine “Moral” zu erkennen, der wird enttäuscht sein.

In “Die rote Schildkröte” geht es um das Erleben der Natur, gemeint ist hiermit jedoch nicht nur die Umwelt sondern auch die Natur unserer Gefühle. Der Film möchte uns ein simples, jedoch magisches Märchen erzählen, welches den Zuschauer berührt und verzaubert.

Michael Dudok de Wit liefert hier seine bislang beste Arbeit ab, und auch wenn “Die rote Schildkröte” aufgrund der gewählten Darstellung und Erzählstruktur nicht jeden ansprechen wird, und letztendlich auch zum großspurigen Titel “Meisterwerk” etwas fehlt, kann ich jedem nur empfehlen der Geschichte um den gestrandeten Mann und ein faszinierendes Panzertier eine Chance zu geben, den Film anzusehen und auf sich wirken zu lassen!

Ich vergebe daher an “Die rote Schildkröte” 8 von 10 möglichen Krabben.


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Diese Rezension spiegelt lediglich die persönliche Meinung des Autors wider und nicht die von House of Animanga.

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