[Gastbeitrag] Japan: Erlebnisbericht über das Studium in Japan

Die geschätzte Lesezeit für diesen Beitrag beträgt 7 Minuten.

Hallo, ich bin Eli und wohne schon seit über sechs Jahren in Japan. Seit Ende 2016 schreibe ich auch einen Blog über mein Leben in Japan. Er heißt Life in Japan is strange und es geht viel um Otakuthemen, aber auch um allgemeine Dinge zu Japan. Bevor ich nach Japan gezogen bin, war auch ein Jahr als Austauschstudent in Nagoya und werde hier berichten, wie es mir dort ergangen ist.

Ein paar Jahre in Japan studieren ist bestimmt ein Traum oder auch konkretes Ziel von vielen. Wie schafft man es einen Studienplatz in Japan zu bekommen und wie ergeht es einem dort als Ausländer?


Komplettes Studium oder nur Austausch

Zunächst muss man sich klar werden, ob man sein ganzes Studium in Japan absolvieren möchte oder nur ein paar Semester als Austauschstudent. Für ein ganzes Studium in Japan wird von vielen Unis der JLPTN1 vorausgesetzt und auch die Studiengebühren sind nicht zu unterschätzen.

Bei öffentlichen Unis fallen im Durchschnitt 2.961.000 Yen für ein 4-jähriges Studium an. Bei privaten Unis ist der Betrag noch mal um einiges höher.

Als Austauschstudent ist die Hürde kleiner, man wird auch mit weniger gutem Japanisch angenommen und die Gebühren sind auch entsprechend günstiger, da man ja nur für ein paar Semester da ist. Je nach Beziehung der eigenen Uni zu der Austauschuni kann es auch Vergünstigungen geben.

Wie kommt man an den Studienplatz?

In einigen Studiengängen ist ein Austauschstudium direkt mit eingebaut. An meiner Uni mussten alle im 3. Studienjahr für zwei Semester nach Japan. Dabei hatte man die Wahl, ob man zwei Semester studieren möchten, oder ein Semester studiert und ein Semester ein Praktikum macht.

Die Uni hat verschiedenen Partnerunis in Japan, die jeweils eine bestimmte Anzahl an Studenten pro Jahr aufnehmen, sodass man auf jeden Fall einen Platz bekam, allerdings nicht unbedingt an der Wunschuni.

Wenn die eigene Uni kein Austauschprogramm anbietet, kann man sich natürlich auch selbstständig um einen Platz kümmern. Viele japanische Unis bieten Austauschprogramme an. Wie genau die Bewerbung funktioniert, kann man auf den Webseiten der jeweiligen Unis nachlesen.

Vorbereitungen

Um in Japan zu studieren, braucht man ein Studentenvisum. Bei der Beantragung hilft einem in der Regel die Uni, an die man geht. Für den Antrag musste ich einen japanischen Lebenslauf, eine japanische Übersetzung meines bisherigen Zeugnisses und das ausgefüllte Antragsformular per Post an die Uni schicken.

So sieht die erste Seite des Formulars aus.

Ein paar Monate später erhält man dann ein Certificate of Eligibility (CoE) von der Uni zugeschickt. Das ist eine Art Freifahrtschein zum Visum. Damit geht man zur japanischen Botschaft und muss nur noch das Visum dort beantragen, dass man ein paar Tage später abholen kann.

Außerdem muss man natürlich Flüge buchen und sich eine Bleibe suchen. Einige Unis bieten Wohnheime speziell für Austauschstudenten an, wo man günstig unterkommt. Ansonsten bieten sich möblierte Wohnungen oder Share Houses an. Eine Auslandskrankenversicherung muss man nicht unbedingt haben (außer die Uni schreibt es vor), da man auch in die japanische gesetzliche Versicherung eintreten kann.

Die Uni und der Unterricht

Ich habe mein Austauschjahr an einer Uni in Nagoya verbracht.

So unspektakulär sah die Uni aus.

Als Austauschstudent durfte man im Wohnheim der Uni wohnen, von dem man bequem mit dem Fahrrad zur Uni fahren konnte. Die Zimmer waren für japanische Verhältnisse recht groß und mit dem notwendigsten eingerichtet. Lediglich einen kleinen Fernseher habe ich mir noch dazu gekauft.

Das Wohnheim von außen, leider auch unspektakulär.

Unterricht hatte ich damals nur sehr wenig, was daran lag, dass man pro Vorlesung bezahlte und ich die Kosten günstig halten wollte (und natürlich an meiner Faulheit XD).

Um die notwendigen Credits zu bekommen, reichte es zwei Japanischkurse für Ausländer und eine weitere reguläre Vorlesung zu belegen. Da es nur eine Vorlesung gab, die auf Englisch gehalten wurde, fiel meine Wahl auf diese, da mein Japanisch damals noch nicht so gut war.

So hatte ich nur drei Mal die Woche für ein paar Stunden Vorlesungen und viel Freizeit, die ich zum Reisen und Japanisch lernen genutzt habe. Das heißt aber nicht, dass es an jeder Uni so ist. Kommilitonen von mir, die an anderen Unis waren, haben erzählt, dass sie immer sehr viel Stress mit dem Unterrichtsstoff hatten. Mir persönlich hat es so besser gefallen, da ich Japanisch alleine effizienter lerne als in der Gruppe. So konnte ich das Jahr gut nutzten, um den JLPT N2 zu bestehen und für den N1 zu lernen.

So unordentlich sah mein Zimmer aus.

Die Japaner an der Uni

Im Gegensatz zur High School muss an der Uni keine Uniform getragen werden. Jeder läuft herum, wie es ihm gefällt und auch Japaner mit bunten Haaren sieht man hier und dort, da jetzt auch keiner mehr Wert auf schwarze Haare legt. Für Japaner sind die Jahre an der Uni oft die einzige Zeit, in der sie sich so ausleben können, denn wenn es mit dem Arbeitsleben losgeht, heißt es Anzug anziehen und Haare wieder schwarz färben.

Im Unterricht aufmerksame Japaner sind auch eher eine Seltenheit. Der Kurs, den ich besucht hatte, war ja auf Englisch und damit prädestiniert dafür, dass keiner aufpasste, weil ja keiner außer den Ausländern etwas versteht. Viele Japaner schliefen, aßen oder spielten Videospiele während der Vorlesung.

Ich habe auch gehört, dass ein Teilnehmer der Vorlesung, der aufgrund von Stress durch Bewerbungen keine Zeit zum Lernen für die Abschlussprüfung hatte, einfach eine Entschuldigung auf den Antwortzettel geschrieben und damit trotzdem bestanden hatte.

Gerade im 3. und 4. Jahr an der Uni fängt für viele Japaner der Bewerbungshorror an, da die Firmen einen festgelegten Bewerbungsterminplan haben, der meist schon sehr früh anfängt. Dadurch können sie oft nicht an Vorlesungen teilnehmen und haben nur wenig Zeit für die Uni.

Findet man als Ausländer Anschluss?

Es hat Vor- und Nachteile Ausländer an einer Uni mit hauptsächlich Japanern zu sein. Es gibt Japaner, die Englisch lernen wollen oder sich fürs Ausland interessieren. Diese kommen meist sehr offen auf einen zu, wollen aber dann auch nur mit einem befreundet sein, weil man Ausländer ist.

Um Freunde mit ähnlichen Hobbys zu finden, bietet es sich an Clubs und Circles beizutreten, die es an jeder japanischen Uni zu allen möglichen Themen gibt. Die Clubs sind dabei ziemlich straff organisiert und man muss auch viel Zeit investieren. Circles sind eher lockere Treffen von Gleichgesinnten.

Mir fiel es damals schwer Freunde an der Uni zu finden, ich war aber damals sehr viel auf Konzerten unterwegs und habe dort dann Freunde mit ähnlichen Hobbys gefunden. Ein Jahr ist aber auch eine kurze Zeit, um sich mit einem Japaner wirklich gut anzufreunden.

In dieser Konzerthalle in Nagoya war ich sehr oft. Von außen leider auch unspektakulär.

Der finanzielle Aspekt

Japan ist eines der teuersten Länder für ein Austauschstudium, daher sind auch die Sätze fürs Auslands BAföG recht hoch. Selbst wer sonst kein Bafög bekommt, hat hier noch Chancen.

Außerdem gibt es natürlich viele Stipendien für Auslandsstudien in Japan. Ich hatte damals das Glück, das Jasso Stipendium zu erhalten.

Zusätzlich kann man als Student auch bis zu 28 Stunden pro Woche jobben. Dafür muss man aber zunächst einen Antrag beim Immigration Office stellen.

Dadurch, dass ich im Wohnheim gewohnt habe und nur 20.000 Yen Miete pro Monat zahlen musste, hatte ich finanziell eigentlich keine Probleme. Mit Stipendium, Bafög und ein wenig Unterstützung von der Familie kam ich gut über die Runden ohne zusätzlich arbeiten zu müssen.

Was vielleicht gar nicht so gut gewesen ist, denn ein wenig Arbeitserfahrung in Japan hätte mir bestimmt nicht geschadet, wenn ich es rückblickend betrachte.

Positive Auswirkungen

Ein längerer Aufenthalt in Japan wirkt sich natürlich immer positiv auf die Japanischfähigkeiten aus, außer man hängt nur mit Ausländern rum. Ich konnte mich am Anfang des Jahres nur schwer verständigen, obwohl ich schriftlich schon recht weit war. Daher habe ich das Jahr auch genutzt, um viel Sprechen und Hören zu üben. (Deswegen auch der Fernseher) Nach dem Jahr konnte ich dann auch recht fließend sprechen und verstand das Meiste.

Aber nicht nur das, ein Aufenthalt im Ausland wirkt sich auch positiv auf andere Aspekte aus. Ich bin viel selbstständiger geworden. Auch wenn meine Uni in Deutschland relativ weit von zu Hause weg war, konnte man doch immer die Eltern bitten, am Wochenende vorbei zu bekommen, wenn Not am Mann war. Das ging jetzt nicht mehr und man musste selber schauen, wie man mit Problemen klar kommt.

Ich kann einen Aufenthalt in Japan bzw. im Ausland allgemein eigentlich nur empfehlen. Es ist nicht nur ein tolles Erlebnis einmal in einem anderen Land zu leben, es bringt einen auch in vielerlei Hinsicht weiter. Wer die Chance dazu hat, sollte sie unbedingt ergreifen.


Diese Rezension spiegelt lediglich die persönliche Meinung des Autors wider und nicht die von House of Animanga.

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2 Antworten

  1. rumiko sagt:

    Dein Zimmer im Foto sieht mir ” Ein Zimmer des Typische Japanische Student ” aus.
    Interessant 🙂

  2. beingmechris sagt:

    Danke für den tollen Einblick in das Studium in Japan. Auch wenn für mich kein Studium mehr in frage kommt, finde ich es sehr angenehm wie das ganze System aufgebaut ist. Sehr informativ. 🙂

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