[Gastbeitrag] Spiel Review: The Sexy Brutale

Nightingale mein Name. Mein erstes Spiel war für den Gameboy Advance SP, da war ich so sieben Jahre alt. Seitdem bin ich Videospielen verfallen, hatte zig Konsolen in meinem Besitz – die meisten davon Handhelds – und sammle mit großem Eifer Spiele. Meine Liebe zu Videospielen ist wohl deshalb so stark, weil es ein Medium ist, dass mir ermöglicht aktiv zu werden. Lese ich ein Buch oder schaue einen Film an, würdige ich die Leistung anderer, bleibe aber passiv. Ich bin bloß Zuschauer, während Spiele mich agieren lassen.

Ich habe keinen Blog, bin kein Let’s Player, verfasse nur selten mal eine Produktrezension und bin für gewöhnlich auf Twitter unterwegs um über Manga zu plaudern. Trotzdem will ich an dieser Stelle nicht von Manga sprechen, sondern von einem ganz bestimmten Spiel.

The Sexy Brutale erschien im April 2017 für PC, PS4 und X Box One. Erst im Dezember kam dieses charmante Puzzle Adventure auch für die Nintendo Switch auf den Markt, was mich zu einem Spontankauf verleitete. Dann blieb es erstmal so lange unangetastet, bis ich mich eines schönen Tages schrecklich langweilte.

Ich kann nur sagen, meine Spielzeit beträgt ca. 14 Stunden und ich bereue keine Minute davon. Doch worum geht es überhaupt? Der Titel ist ja nicht gerade aussagekräftig.

Wer hofft der Name sei Programm, wird enttäuscht werden. Als sexy kann man dieses Spiel nicht bezeichnen, wohl aber als brutal. Tatsächlich ist das Sexy Brutale eine weitläufige Villa, die dem mysteriösen Marquis gehört. Der exzentrische Herr veranstaltet alljährlich einen Maskenball für seine Freunde, die es sich unter anderem in einem hauseigenen Kasino, einem Theater oder einer von zahlreichen Bars bequem machen können. Natürlich steht auch Personal bereit um die Gäste zu bedienen. Das Problem? Seltsames geht in der Villa vor sich. Schnell zeigt sich, dass das Personal mörderische Absichten hegt und es ist an dir die anderen Gäste zu retten.

Um dieses Ziel zu erreichen musst du die Uhren im Haus kontrollieren, um wieder und wieder diesen verhängnisvollen Tag zu beginnen. Sind sie zurückgesetzt, hast du zwölf Stunden lang Gelegenheit um einen Mord zu verhindern. Dabei steht dir mit Rat und Tat eine blutüberströmte Frau zur Seite. Richtig gehört! Die Dame bittet dich alle zu retten und verleiht dir die Fähigkeit dich ungesehen durch die Villa zu bewegen.

Das Spielprinzip ist zwar nicht neu, aber hervorragend umgesetzt. Es wird zu Anfang anhand eines Exempels demonstriert. Du spionierst Gästen und Angestellten gleichermaßen hinterher, folgst ihnen, belauschst Gespräche und beobachtest Handlungen. Jeder hat seinen Tagesablauf, den man sich am besten einprägen sollte. Dann gilt es zu rätseln um das Schicksal von allen zehn Gästen zu ändern und den Plan des Personals zu vereiteln.

Wie kann ein Mord verhindert werden? Was kannst du tun? Tatsächlich nicht allzu viel, denn allmächtig bist du bei weitem nicht. Die ahnungslosen Gäste und raffinierten Angestellten handeln und du versucht diese Handlungen zu beeinflussen oder ungeschehen zu machen. Auch so manches erst unwichtig scheinende Detail kann die Lösung bringen, es hilft ungemein um die Ecke zu denken. Die Steuerung ist recht simpel und schnell gelernt, insbesondere die Observierung hat mir aber unheimlich viel Spaß gemacht.

Nachdem der erste Gast gerettet ist erhältst du seine Maske und mit ihr die wichtigste Fähigkeit: Die Beherrschung der Uhren, die überall im Haus stehen und auch als Speicherpunkte dienen.

Im Laufe der Geschichte schaltest du sechs weitere nützliche Fähigkeiten, sogenannte Maskenkräfte, frei, die dir beim Lösen der Rätsel eine große Hilfe sein werden. (Rätsel im herkömmlichen Sinne gibt es übrigens nicht – keine Sorge.)

Zu Anfang weiß man nicht was in der Villa vor sich geht, doch mit der Zeit schnappt man immer mehr und mehr Informationen auf. Das Personal redet, die Gäste reden, nur der eigene Charakter bleibt stummer Beobachter. Es dauert nicht lange, da wird man mit den obskuren Seiten der Villa konfrontiert. Was ist Einbildung, was ist real? Wer ist man überhaupt? Die Gäste scheinen einen zu kennen, aber der Charakter hat keine Erinnerung an sie.

Will man Hintergrundinformationen zu einem Gast erhalten, muss man dessen Einladung finden. Die neun Einladungen sind nicht einfach so zu bekommen, manche findet man zu einem bestimmten Zeitpunkt, für andere muss man eine kleine Aufgabe lösen.

Weiterhin gilt es 52 Spielkarten zu sammeln, die überall im Haus versteckt sind. Durch das Finden der Karten erfährt man mehr und mehr über die Villa und den durch Abwesenheit glänzenden Hausherren. (Übrigens kann man nichts verpassen! Alle Sammelgegenstände sind im späteren Spielverlauf noch zu bekommen, wenn man nur fleißig sucht.)

Die Idee den Spieler durch Sammelgegenstände zum gründlichen Suchen zu animieren ist an sich nicht besonders innovativ, doch die Einbindung ins eigentliche Spiel ist klasse. Die Spielkarten sind nicht einfach nur im Haus verteilt, da dort offensichtlich viel und gern gespielt wird. Nein, es gibt schon noch einen anderen Grund, der erst später nach und nach offenbart wird. Diese Detailliebe habe ich überall beobachten können. Dinge, die mir in einem Moment unlogisch oder nebensächlich erschienen, machten später Sinn, weil ich etwas gelesen oder gehört hatte. Sowieso nahm alles erst nach und nach Gestalt an: Die Charaktere, ihre Beziehung zueinander und der Grund für das Grauen, dass sie ereilt hat.

Die elegante, bisweilen sogar pompöse Kulisse des Sexy Brutale wird fantastisch von leichtem Jazz untermalt. Normalerweise mag ich keinen Jazz, aber die teils flotten, teils ruhigen Melodien haben wunderbar das Kasino-Setting in Szene gesetzt und die jeweilige Stimmung eingefangen. Apropos Stimmung, die war immer auf dem Punkt, nie übertrieben dramatisch oder gezwungen traurig. Wer sich nicht in Geschichte und Charaktere einfühlt, wird nicht dazu genötigt und erlebt einfach ein so gutes wie ungewöhnliches Rätselspiel.

Mein einziger echter Kritikpunkt: Es gibt Ruckler, wenn ein anderer Abschnitt des Hauses geladen wird. Bewegt man sich in diesem schwierigen Moment zu schnell, führt das zu Freezes und einmal stürzte mir das Spiel ab. Ob das auch bei anderen Versionen so ist, kann ich nicht sagen, da ich nur auf der Switch gespielt habe.

Die Geschichte, die sich durch Informationsfetzen, mitgehörte Gespräche und Beobachtungen entfaltet, wirkt erst simpel und vorhersehbar, doch der Schein trügt. Das Spiel ist von A bis Z durchdacht, so ist beispielsweise der Marquis nicht nur ein Adelstitel, sondern auch ein Kartenspiel. Wer mit offenen Augen und gehörig Neugier an die Sache herangeht, wird mit einem überraschend emotionalen Plot, zwei Enden und einem geheimen Ende belohnt werden. Wunderbarerweise muss man sich dabei nicht für ein Ende entscheiden, da das Spiel im letzten Abschnitt speichert. Es können – und sollten! – also alle Enden entdeckt werden.

Schlussendlich kann ich nur jedem empfehlen das Sexy Brutale selbst zu erkunden und aufzudecken was in jener Nacht geschah. Für meinen Geschmack war die Reise viel zu schnell vorbei und ich freue mich jetzt schon auf eine erneute Erkundungstour, wann immer ich Gelegenheit finden werde die Zeit zurückzudrehen.

Selbstverständlich vergebe ich 10 von 10 Masken.


The Sexy Brutale
The Sexy Brutale
Entwickler: Cavalier Game Studios, Tequila Works
Preis: 19,99 €
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